Kurzer Überblick über die Erkrankung Neurodermitis
- Allgemeiner Überblick und Häufigkeit
- Symptomatik und Entwicklungsphasen der Krankheit
- Neurodermitis und Allergien
- Komplikationen und Probleme
- Krankheitsentstehung
- Behandlung der Erkrankung
- weiterführende Literatur und Quellen
Allgemeiner Überblick
Häufigkeit der Erkrankung
Die Erkrankung hat in den letzten Jahren stark zugenommen.Während 1960 lediglich jedes dreißigste Vorschulkind von Atopischer Dermatitis betroffen war,ist es heute fast jedes sechste. Eine mögliche Ursache für diesen sprunghaften Anstieg sind paradoxerweise verbesserte Lebensumstände und steigende Hygiene. Atopische Erkrankungen scheinen häufig Stadtkinder aus sozial besser gestellten Schichten zu treffen.
Synonyme
- Neurodermitis constitutionalis
- Neurodermitis diffusa
- Neurodermitis atopica
- Endogenes Ekzem
- Atopische Dermatitis
- Früh- und Spätexsudatives Ekzematoid
- Prurigo Besnier
Die Atopische Dermatitis gehört zu den häufigsten Hauterkrankungen überhaupt. Insgesamt leiden in
Deutschland zwischen zwei und zehn Prozent der Bevölkerung in unterschiedlichem Ausmaß an dieser
chronischen Hautentzündung. Kinder sind dabei überdurchschnittlich häufig betroffen:
Bis zu 12 Prozent der Vorschulkinder sind an Atopischer Dermatitis erkrankt. Insgesamt geht man von rund drei
Millionen Betroffenen in Deutschland aus.
(Quellen: J. Ring: Neurodermitis, C.H.Beck, München, 2000;Informationsportal Dermatologie, www.dermis.net)
Wie kommt es zu der Erkrangkung?
Atopische Dermatitis ist eine erbliche, immer wiederkommende Hautkrankheit. Häufig kommt es im Kleinkindalter (ca. 3. 4. Lebensjahr) zum ersten Auftreten. Der Erbgang der Atopischen Dermatitis erfolgt nicht über ein einzelnes Gen(Erbanlage), sondern über mehrere Gene mit Schwellenwert. Dabei wird nicht die Krankheit an sich vererbt, sondern lediglich die Veranlagung. Erst, wenn zu der vererbten Veranlagung bestimmte Auslöser hinzukommen, tritt die Krankheit auf (abhängig vom individuellen Schwellenwert).
Auslöser können sein:
- Klima (Klimawechsel, kalte Jahreszeit, geringe Luftfeuchtigkeit)
- Infekte durch Bakterien, Pilze, Viren
- Stress (psychisch / physisch)
- bestimmte Chemikalien
- bestimmte Allergene (z.B. Hausstaubmilbenkot, Blütenpollen)
- bestimmte Nahrungsmittel (z.B. Hühnerei, Kuhmilch,Soja, Weizen, Nüsse, Fisch)
- Kontakt mit Schafwolle, Tierfellen, Federbetten
Neurodermitiker leiden häufig zusätzlich an anderen Krankheiten aus dem Bereich der Allergien (z.B. Asthma bronchiale, Heuschnupfen). Signifikant häufig ist die Atopische Dermatitis mit Ichthyosis vulgaris (Fischhaut aufgrund von Verhornungsstörungen) verbunden.
Merkmale, die auf eine Atopie hindeuten:
- familiär auftretende Neigung zu Überempfindlichkeitsreaktionen von Haut und Schleimhäuten gegenüber Umweltstoffen
- erhöhte IgE-Bildung (spezielles Eiweiß aus der Abwehr)
- veränderte pharmakologische Reaktivität (z.B. paradoxe Gefäßreaktion auf Acetylcholin (statt GEfäßerweiterung kommt es zum Zusammenziehen der Gefäße und damit zu Blutdruckerhöhung)
- gestörte T-Lymphozyten-vermittelte Immunität mit der Folge von erhöhter Anfälligkeit für virale und bakterielle Infektionen
Wie zeigt sich die Krankheit?
Leitsymptome:
- starker Juckreiz
- sehr trockene, schuppende Haut mit erniedrigtem Wasser- und Fettgehalt, verminderter Talgproduktion, veränderter Schweißsekretion
- ab 3. 4. Lebensmonat Bei Säuglingen ist häufig der so genannte Milchschorf (Crusta lactea, Säuglingsekzem) Zeichen einer beginnenden Atopischen Dermatitis:nässende, mit schuppigen Krusten von der Farbe einer über dem Feuer eingetrockeneten Milch) bedeckte Rötung am behaarten Kopf, der Stirn und den seitlichen Gesichtspartien
- Später im 1. Lebensjahr entwickeln sich daraus nässende Erytheme mit Papulovesikeln und Krusten an der Streckseite der Arme und Beine
- ab 3. Lebensjahr: Eczema flexuarum: nässende Dermatitis(entzündete Haut)Bläschen in den Ellenbeugen und (seltener) in den Kniekehlen
- allmählicher Übergang in ein chronisches Ekzem: trockene, schuppende, verdickte Herde mit der typischen Lichenifikation (Vergröberung der Hautlinien)
- Schulkindalter bis Erwachsenenalter: Beugenekzem (chronisch lichenifiziert) Entzündungsreaktionen in Hautfalten und am Hals Handekzem
- zusätzlich kann sich ein Heuschnupfen oder ein Asthma bronchiale entwickeln
Anhand der beschriebenen typischen Klinik der Atopischen Dermatitis lässt sich das Vollbild der Erkrankung leicht diagnostizieren. Zusätzliche Hinweise auf eine vorliegende Atopie - auch bei nur minimal ausgeprägter Atopischer Dermatitis geben die so genannten Zeichen:
- leicht juckende, trockene Haut (Xerosis cutis)
- trockene Kopfhaut
- dunklere Färbung (Halonierung) um die Augen herum
- Lichtung der seitlichen Augenbrauen (Hertoghe-Zeichen)
- doppelte Unterlidfalte (Dennie-Morgan-Infraorbitalfalte)
- faltige, gering schuppende Lider(scheinbare Voralterung)
- entzündete, trockene Lippen miteingerissenen Mundwinkeln(Cheilitis sicca)
- Pityriasis simplex alba (leicht bräunliche Flecken mit feiner,trockener Schuppung)
- trocken schuppende, juckende Füße im Winter (atopic winterfeet)
- Einrisse und zwiebelschalenartige Schuppung der Finger- und Zehenkuppen(Pulpitis sicca)
- Juckreiz durch Schwitzen oder bei Kontakt mit Schafwolle
- weißer Dermographismus (Hautschrift;nach mechanischer Reizung der Haut auftretende sichtbare helle Hautreaktion)
- häufig Modeschmuckunverträglichkeiten (Nickel, Chrom, Kobalt)
Komplikationen bei Atopischer Dermatitis
Komplikationen der Atopischen Dermatitis entstehen durch die gestörte T-Zell-vermittelte Immunität. Häufig vorkommend:
- Infektion mit Herpes simplex
- Infektion mit Molluscum contagiosum Virus
- durch Hautkeime hervorgerufene Infektion
- Erythrodermia atopica Hill = generalisiertes Ekzem, meist Folge von falscher Behandlung
- Cataracta dermatogenes neurodermitica = Linsentrübung bei lange bestehender Atopische Dermatitis
Behandlung:
Da die Erkrankung nicht geheilt werden kann geht man pragmatisch vor.Was lindert wird gemacht. Dabei ist esvon besonderer Bedeutung, die Maßnahmen individuell auf den jeweiligen Patienten abzustimmen. Basis der Therapie sollte, wenn möglich, eine Reduktion und Vermeidung der jeweiligen Provokationsfaktoren (Auslöser) sein. Darauf aufbauend schließt sich die Basis-Hautpflege sowie die pezielle Ekzemtherapie an.
Die heute bei Atopischer Dermatitis angewendeten Heilmittel schließen sowohl äußerlich anwendbare als auch innerlich anwendbare Medikamente ein. Die spezielle Therapie wird durch eine Pflegetherapie ergänzt. Neurodermitiker-Pflegeprodukte sind speziell auf die gestörte Hautbarriere bei Atopischer Dermatitis abgestimmt.
Zur direkten Behandlung der Haut:
Basispflege:
- wirkstofffreie Pflegeprodukte
- Ölbäder
- Duschöle
- Cremes mit lokalen Feuchthaltefaktoren (z.B. Harnstoffin geeigneter Konzentration)
Spezielle Therapie:
- Polidocanol (chem. Abkömmling von Polyethylenglykol) gegen den Juckreiz
- synthetische Gerbstoffe (Tannin-artig) gegen Juckreiz besonders in den Hautfalten
- Antiseptika (z.B. Chlorhexidin, Triclosan)
- bei Anzeichen von Hautentzündungen: Antibiotika (z.B. Erythromycin)
- bei Hinweis auf Pilzinfektion: Antipilzmittel(z.B. Imidazolderivate)
- bei starken Verhornungen an Händen und Füßen: Salizylsäurepräparate
Antientzündliche Wirkstoffe
- Vorsicht mit Cortionssalben (beilängerer Anwendung: Hautverdünnung, erhöhte Infektanfälligkeit)
- sogenannte Makrolide (z.B. Tacrolimus, Pimecrolimus,seit April 2002 in Deutschland auf dem Markt), werden aus einer Pilzart (Streptomyces tsukukaensis) gewonnen.Sie sind therapeutische Alternative zu Cortison. Sie wirken wie Cortison auf das Abwehrsystem der Haut, jedoch ohne die typischen Cortisonnebenwirkungen. Sie können aber mal an der Stelle, an der sie eingerieben worden sind Entzündungen hervorrufen.
- Teerpräparate
Zum Einnehmen:
- Medikamente zur Juckreizstillung
- in Ausnahmefällen: Cortisontabletten, nur bei großflächiger Ausprägung - Anwendung als Stoßtherapie über 2 bis 4 Tage ohne schrittweise Reduktion der Dosis oder als 2- bis 4-wöchige Therapie mit schrittweiser Dosisverminderung.
- bei schwerster schlecht behandelbarer Form: Cyclosporin A; empfohlen über maximal 6 Monate in der niedrigsten wirksamen Dosis mit anschließender Reduktion über einen Zeitraum von ca. 3 Monaten
- eventuell andere Immunsuppressiva ( z.B. Azathioprin, Mycophenolatmofetil)
- eventuell Leukotrienantagonisten, allerdings liegt keine offizielle Zulassung für diese Indikation vor
Phototherapie/Klimatherapie
h4>Beide Therapieformen können zusätzlich in Kombination mit Kortikosteroiden oder bei mäßig ausgeprägter Atopischer Dermatitis auch allein eingesetzt werden.
Literatur
Leitlinien der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) und des Berufsverbandes
Deutscher Dermatologen (BVDD) 2002.
Novak, N.; Bieber, T.: Pathophysiologie der atopischen Dermatitis. Deutsches Ärtzeblatt, Jg. 101, Heft 6, Köln 2004.
Ring, J.; Zumbusch, A.: Neurodermitis - Ursachen und Therapien. München: C.H.Beck 2000.
Schäfer, T.: Diagnostik und Epidemiologie des atopischen Ekzems. In: Petermann, F.,Warschburger P.: Neurodermitis. Hogrefe 1999,S. 51-79.
Achenbach, R.K.: Neurodermitis. Stuttgart:TRIAS 1996.
Abeck D.; Ring J.: Atopisches Ekzem im Kindesalter.Darmstadt: Steinkopff 2002.